Interview mit sara reichelt zum Thema Burnout
21. Februar 2012 | Kategorie: Beruf, BurnOut, Gesundheit, Karriere, Management
Sara Reichelt arbeitet als psychologische Psychotherapeutin in der medizinisch und psychologischen Praxisgemeinschaft Nau & Kollegen in Köln. Einer ihrer Beratungsschwerpunkte ist die Behandlung von Burnout Out. In ihrer Freizeit widmet sie sich verschiedenen Kunstrichtungen. Ihr Buch „Seiltänzer“ kann unter www.sarareichelt.de bestellt werden.
concept:karriere hat Frau Reichelt über ihre psychotherapeutische Arbeit mit Burnout-Betroffenen interviewt.
concept:karriere:
Frau Reichelt, Sie arbeiten als psychologische Psychotherapeutin und beraten Menschen, die in den Burnout geraten sind. Was ist denn überhaupt ein Burnout und wie erkennt man ihn?
sara reichelt:
Ein Burnout ist ein seelischer, geistiger und / oder körperlicher Erschöpfungszustand, der zu einer Depression und Angststörung werden kann. Entscheidend dabei ist, dass der Mensch mit Burnout im Prinzip geistig-seelisch gesund ist und nur durch extreme, meistens externe Anforderungen / Belastungen in ein Ungleichgewicht geraten ist.
concept:karriere:
Welche Personen sind Ihrer Meinung nach besonders gefährdet? Gibt es Berufsgruppen die besonders häufig von Burnout betroffen sind?
sara reichelt:
Ursprünglich waren vor allem Menschen in psychosozialen und pädagogischen Berufen von Burnout betroffen. Hier stand im Vordergrund, dass sie sich schlecht gegen die Probleme und Schicksale ihrer Klienten, Schüler, Patienten, etc. abgrenzen konnten. Heute kann Burnout eigentlich jeden treffen unabhängig von dem ausgeübten Beruf. Besonders gefährdet erscheinen diejenigen, die den ständigen Spagat zwischen Beruf und Familienleben vollziehen müssen und kaum noch Zeit für sich und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse haben. Hierzu möchte ich Ihnen ein Beispiel geben: Nehmen Sie die Managerin mit einer mindestens 60 Stundenwoche, die am Samstag um 6 Uhr aufsteht, um einmal in der Woche zwei Stunden Ruhe zum Zeitung lesen zu haben bevor ihre Familie -Mann und zwei Kinder- ihren Tribut fordern.
Weil der Burnout insbesondere bei sehr leistungsorientierten Menschen auftritt, wird er auch gerne als die Krankheit der Siegertypen bzw. der Alpha-Menschen bezeichnet.
concept:karriere:
Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Ursachen für einen Burnout? Sind diese eher privat oder beruflich bedingt?
sara reichelt:
Die häufigsten Ursachen von Burnout resultieren aus dem Zusammentreffen von zwei Faktoren.
Zum einen resultiert ein Burnout meistens daraus, dass mehrere belastende Ereignisse gleichzeitig auftreten. Insbesondere entsteht er aus der Doppelbelastung von Berufs- und Privatleben. Nehmen Sie das Beispiel von jemandem, der einen Vollzeitjob ausübt, seine Dissertation schreibt und dann auch noch in eine Ehekrise hinein gerät. Psychische Probleme sind in solchen Fällen nicht selten.
Zum anderen ist es aber auch die Unfähigkeit und der Unwille der Betroffenen die eigenen Belastungsgrenzen zu akzeptieren. Das Wort „MUSS“ hat für Burnout-Betroffene eine enorme Bedeutung. „Ich muss funktionieren“, sind gerne gewählte Einstellungen dieser Menschen.
concept:karriere:
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Burnout-Risiko und einem eher geringen Selbstwertgefühl?
sara reichelt:
Grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen stark gefährdet sind, die ihr eigenes Selbstwertgefühl eng mit den erbrachten Leistungen verknüpfen. Also Menschen, die ihren Selbstwert davon abhängig machen, dass sie viel leisten und deswegen schlecht in der Lage sind, sich gegenüber den Erwartungen Anderer abzugrenzen.
concept:karriere:
Dann sind Menschen, die sich stark an den Erwartungen an Anderen orientieren, besonders gefährdet. Nun ist das Berufsleben von enormen Zeit-, Termin- und Arbeitsdruck gekennzeichnet. Was raten Sie Betroffenen?
sara reichelt:
Was wirklich auffällt ist, dass die permanente Erreichbarkeit durch die modernen Kommunikationsmittel wie Handy, Blackberry, Email, etc. gerade für solche Menschen besonderes Gift sind. Dementsprechend lasse ich gerne einen Manager eine Selbstvereinbarung mit sich selbst unterzeichnen, dass er zu den darin vereinbarten Zeiten für die Firma nicht erreichbar ist.
concept:karriere:
Was raten Sie denn, wenn ein Mitarbeiter in ein Organisationssystem gerät, in dem so hohe Erwartungen und extremer Druck entsteht und man weiß, dass man diesem nicht gerecht werden kann?
sara reichelt:
Hier ist ein Prioritätencheck wichtig. Vorrangig ist die Frage zu beantworten, wie lange ich diese Position ausüben und dem Druck standhalten kann. Der Betroffene sollte sich die Frage stellen: Wie wichtig ist mir meine Familie und meine Gesundheit oder bin ich bereit das Risiko eines Zusammenbruchs zu tragen? Aus meiner Sicht ist es ratsam, sich lieber weg zu bewerben, bevor man zusammenbricht.
concept:karriere:
Als Therapeutin hören Sie ja jeden Tag von den Schicksalen Ihrer Klienten, die berichten wie grau die Welt für sie erscheint. Wie schützen Sie sich selbst davor, durch Ihre Arbeit ebenso in den Sog des Burnouts zu geraten?
sara reichelt:
Ich grenze mich sehr gut ab und definiere mein Selbstwertgefühl nicht ausschließlich über meine Arbeit. Zudem arbeite ich nur an drei Tagen pro Woche in der Praxis. Ich glaube daher, dass ich kein Burn-Out-Kandidat bin, weil ich nie eine Karriere im engeren Sinne angestrebt habe. Geld und Macht interessieren mich wenig. Wichtig sind mir das Ausleben meiner kreativen Interessen, mein körperliches Wohlbefinden und die Beschäftigung meines Geistes mit nicht-psychologischen Themen.
concept:karriere:
Sie sagen, dass Sie sich gut abgrenzen können. Können Sie dies etwas näher erläutern?
sara reichelt:
Ich mache das Leid der Menschen nicht zu meinem eigenen und akzeptiere die Grenzen von psychotherapeutischer Behandlung. Während der Therapiestunden bin ich sicherlich sehr engagiert und warmherzig und lasse meinen Klienten alle professionelle Unterstützung zu kommen, die in meiner Macht stehen. Allerdings mache ich mir auch immer wieder bewusst, dass die Klienten in eigener Verantwortung etwas ändern müssen und genau diese Verantwortungsabgrenzung akzeptiere ich.
concept:karriere:
Sie haben in dem letzten Jahr im Selbstverlag einen Roman mit dem Titel „Seiltänzer“ herausgebracht, in dem Sie mit einem Augenzwinkern und in einem literarischen Stil die psychotherapeutische Behandlung aus der Sicht eines Therapeuten beschreiben. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?
sara reichelt:
Es hat mich gereizt, meinen Job und meine große Leidenschaft für das Schreiben miteinander zu verknüpfen. In meiner Arbeit gibt es viele Themen, die sich wiederholen und während ich arbeite, läuft in mir eine Art zweiter Film ab. Diese Gedanken versuchte ich in eine poetische Sprache zu verpacken. Das heißt, ich habe ganz bewusst psychologisch geprägte Begriffe wie zum Beispiel „Psychotherapie“ oder „Angststörung“ oder „Antriebsmangel“ weggelassen. Zudem beschreibe ich keine konkreten Fälle, sondern das Allgemeine im Besonderen.
Kommentare (2)







Hallo Michaela,
tolles Interview! Kurz, knackig und informativ!
VG Liane
Meine persönliche Definition von Karriere:
“Im Alter von 90 Jahren mit Kleidergröße 36, gesundem Rücken, nach einem großen Fest mit Menschen, die nicht mit mir verwandt sind, aber freiwillig und freudig mit mir kommunizieren und nach dem Lesen meiner Lieblingszeitung selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden”